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Behindertenbeauftragter Hüppe in Neumarkt: Menschen mit Behinderung bereichern die Gesellschaft

Neumarkt (20. Mai 2011)- Auf Einladung von MdB Alois Karl besuchte der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange Behinderter Hubert Hüppe die Jura-Werkstätten in Neumarkt. Anschließend führte er im Rahmen eines Fachgesprächs den Dialog mit über 50 Menschen mit Behinderung, Angehörigen, in der Behindertenarbeit Aktiven und dem Vorsitzenden der CSU-Stadtratsfraktion Werner Thumann. Im Mittelpunkt des Gesprächs stand die Teilhabe von Menschen mit Behinderung, die in der UN-Behindertenkonvention als Rechtsanspruch verankert ist und häufig als Inklusion bezeichnet wird.


„Über 10 Prozent der Menschen in Deutschland leben mit einer Behinderung. Im Koalitionsvertrag haben wir aufgezeigt, dass wir die Menschen mit Behinderung noch stärker in die Gesellschaft einbeziehen wollen. Sie haben einen Anspruch, dass ihre Rechte geachtet werden. Heute wollen wir mit Ihnen beraten, wie dieser Anspruch im Interesse der Menschen mit Behinderung, aber auch der gesamten Gesellschaft noch besser umgesetzt werden kann“, erklärte Bundestagsabgeordneter Alois Karl zu Beginn des Fachgesprächs, das er mit Hubert Hüppe letzte Woche am Rande eines Fußballspiels des FC Bundestag gegen eine Mannschaft von Menschen mit geistiger Behinderung kurzfristig vereinbart hatte.


In seinem Eingangsstatement wies Johannes Göstl, 1. Vorstand der Lebenshilfe Neumarkt e.V. darauf hin, dass auch sein Verein aktuell aktiv seine Strukturen neu ausrichte. So sei beispielsweise vor zwei Tagen die Trägerschaft der Jura-Werkstätten in Neumarkt auf eine gemeinnützige Gesellschaft übertragen worden. Die UN-Konvention zu den Rechten Behinderter sei der Anstoß, bei den Angeboten für Menschen mit Behinderung vieles auf den Prüfstand zu stellen. Dennoch müsse darauf geachtet werden, dass nicht nur Forderungen erhoben würden, sondern diese auch praktisch umsetzbar seien.


In seinem Impulsreferat griff Hubert Hüppe diesen Ansatz auf: „Die UN-Konvention legt fest, dass Teilhabe für Menschen mit Behinderung ein Menschenrecht ist. Zugleich macht sie klar, dass Teilhabe zunächst nicht aus der finanzieller Sicht zu beurteilen ist, sondern zunächst nach dem, was an Teilhabe jedes Menschen mit Behinderung möglich ist.“


Seine eigene Erfahrung als Vater eines Sohns mit Behinderung habe ihn gezeigt, dass eine gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung und hiervon alle Beteiligten profitierten. Kinder lernten am besten voneinander. Dies zeigten die schulischen Erfolge von Kindern mit Behinderung ebenso, wie die höhere soziale Kompetenz von Kindern ohne Behinderung. Damit könne auch langfristig eine der größten Barrieren zur Teilhabe von Menschen mit Behinderung abgetragen werden. Häufig sind Menschen ohne Behinderung unsicher, wie sie mit Menschen mit Behinderung umgehen sollen, weil sie durch die frühe Trennung keine entsprechenden Erfahrungen sammeln konnten. Aus dieser Unsicherheit erwachse eine Entfremdung, die oftmals zum Ausschluss der Menschen mit Behinderung führe. Solche Schwierigkeiten müssten später mit großem Aufwand wieder überwunden werden, wenn es um die Einbindung und Ausrichtung auf Menschen mit Behinderung in Schule, Studium, Beruf oder im Alter gehe.


„Hier sind wir alle gefordert, damit wir unsere Gesellschaft eine Umwelt bildet in denen Menschen mit Behinderung ganz selbstverständlich teilhaben können: Bund, Länder, Gemeinden, Einrichtungen, Vereine und Bürger. Gleichzeitig müssen wir Prozess mit den Menschen mit Behinderung gestalten, da sie selbst wissen, was sie wollen. Wir müssen sie ernst nehmen und als gleichberechtigte Partner in diesem Prozess betrachten“, sagte Hubert Hüppe, der sich vorrangig als Beauftragter für die Belange der Behinderten sieht.


Wie sehr davon die gesamte Gesellschaft profieren kann, zeigte ein Beispiel aus der anschließenden Diskussion. Ein barrierefreier Bahnhof ermögliche es nicht nur Menschen mit Behinderung, eigenständig mit dem Zug zu fahren. Ein Aufzug helfe z.B. auch den Menschen, die einen Rollator benutzten oder Eltern mit Kinderwägen. Wenn Fahrkartenautomaten barrierefrei gestaltet werden oder ein Assistent zum Lösen einer Fahrkarte vor Ort sei, dann ermögliche es auch den Menschen eine Bahnfahrt, die mit den modernen Fahrscheinautomaten schlicht nicht zu recht kommen. Davon habe er Bahn-Chef Rüdiger Grube schon mehrfach zu überzeugen versucht, berichtete Hüppe.


Kritik gab es beim Dialog an der jetzigen Praxis, dass es für die Betreuung von Menschen mit Behinderung in Werkstätten in Bayern und darüber hinaus bei gleicher Behinderung sehr unterschiedliche Mittelzuweisungen gibt. Hubert Hüppe sieht hier grundsätzlichen Reformbedarf. Wichtig sei, dass künftig der Grundsatz gelten solle „Hilfe muss der Person folgen, nicht die Person der Hilfe“. Ähnlich wie beim persönlichen Budget solle so eine stärkere Ausrichtung am individuellen Unterstützungsbedarf eines Menschen mit Behinderung erreicht werden. Im Idealfall erfolge eine Beratung zum Unterstützungsbedarf und den –möglichkeiten aus einer Hand, die Unterstützungsleistungen könnten dann maßgeschneidert für den jeweiligen Fall mit Einbeziehung der Wünsche des Menschen mit Behinderung konzipiert werden.


„Dabei wollen wir auch bewusst Regelschulen, normale Arbeitgeber oder Vereine für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung einbeziehen. Durch Anreize im Zusammenspiel mit einem begleitenden Eingliederungsmanagement wollen wir die bestehende Trennung wieder häufiger überwinden. Hier gibt es bereits viele gute Ansätze und Grundlagen, die bereits heute existieren und umgesetzt werden. Unter www.behindertenbeauftragter.de informieren wir im Rahmen der Aktion `Deutschland wird inklusiv´ über besonders gute Ansätze, wie Teilhabe verwirklicht werden kann. Und wir nehmen den Ansatz auch selbst ernst, da die einzelnen Aktionen von Menschen mit Behinderung geprüft werden“, berichtete Hubert Hüppe.


Daneben wurden auch eine ganze Reihe von praktischen Fragen aus dem Alltag des Menschen mit Behinderung angesprochen, die von der unterschiedlichen Kostenerstattung von Hilfsmitteln für Gehörlosen bis hin zur Barrierefreiheit in der Altstadt oder bei öffentlichen Stellen reichte. Werner Thumann versprach, dass er eine Anregung zur besseren Teilhabe von Menschen mit Behinderung aus dem Gespräch prüfen werde und sich dann auch auf Neumarkter Ebene für eine Umsetzung einsetzen werde.


In seinem Schlusswort sagte Alois Karl, dass es sicher nicht einfach werde, den Ansatz der UN-Konvention nach Teilhabe von Menschen mit Behinderung umzusetzen. CDU/CSU und FDP haben in den Bundestag einem entsprechenden Antrag zur Umsetzung auf Bundesebene eingebracht, der aktuell im parlamentarischen Verfahren sei und zu dem am 4. Juli 2011 eine öffentliche Anhörung geplant sei. Zugleich müssten viele andere staatliche Stellen, Unternehmen, Vereine und Bürger müssten noch überzeugt werden, wie ein Anspruch von Menschen mit Behinderung im Alltag realisiert werden könne. Am Ende könnten von einer Umsetzung dieses Ansatzes alle profitieren. Deshalb werde er mit Nachdruck dafür eintreten, diese steinigen Weg Schritt für Schritt zu absolvieren, kündigte Alois Karl an.


Bildunterschrift:
Werner Thumann, Alois Karl, Hubert Hüppe und Johannes Göstl (v.l.) waren sich mit den Gesprächspartnern einig: Die Teilhabe von Menschen mit Behinderung bereichert die gesamte Gesellschaft.  

Text & Foto: Harald Frank